Sonntag, 27. September 2009

Links-Wähler?

Pragmatismus = Links wählen.


Oder die Geschichte wie man zum Links-Wähler wird.


Seit 16 Jahren darf ich zur Wahl gehen und meine Stimme abgeben. Eine tolle Möglichkeit, das eigene Wohl und das des ganzen Volkes mit zu bestimmen.


So dachte ich wirklich - lange Jahre.


Natürlich, als Nordbayer der immer in südhessischen Schulen „gebildet“ wurde, war ich lange bevor ich das erste mal wählen durfte, eher schon mit „links“ bis „links-liberalem“ Gedankengut bestückt worden. So war es keine Überraschung, daß ich bei meiner ersten Wahl die SPD wählte.

Später, als Beschäftigter in Bayern, wurde mein Weltbild konservativer. Nicht konservativ genug um die CSU zu wählen, aber doch konservativ genug um mein politisches Weltbild zu verändern. Die Union war nicht mehr die Partei non-grata, teilweise war es in meinen Augen richtig was dort gemacht wurde. Das Leben ist ein langer ruhiger Fluß und bitte, haltet alle Veränderungen von uns fern, so dachte ich.


Als ich selbständig wurde, war ich kurz davor die CSU zu wählen. Zum Glück konnte ich mich eher mit dem Programm der FDP identifizieren und auch ein unbequemer Mensch wie Möllemann sorgte für mein Interesse. So wählte ich beim zweiten Mal die FDP.


Kanzler Schröder war ein Mensch, dem ich verzieh bei der SPD zu sein - und ich war mit seiner Art Mensch und Politiker zu sein, zufrieden. Leider hatte er es bei der letzten Wahl am Abend selbst verzockt, als er lustig, aber völlig daneben & überheblich war.


Die SPD verkaufte Ideale und Ziele und bildete, des Machterhaltungstriebes wegen eine große Koalition. Ich war wieder Angestellter und wünschte mir stabile Verhältnisse und eine Regierung die gemeinsam Entscheidung trifft und etwas bewegen kann, ohne ständig von der Opposition ausgebremst zu werden.


Die große Koalition, sah also auch ich, als „das kleinere Übel“ an.


Heute bin ich auf Arbeitssuche, eine Arbeit die Berufung und nicht Beschäftigung ist. Eine Aufgabe die Menschen fordert und nicht Armut auf Lohnsteuerkarte verspricht. Als ehemalige Führungskraft kenne ich das Dilemma zwischen guter Arbeitsleistung und schlecht bezahlten Mitarbeitern.

Ich selbst habe es akzeptiert, daß meine Kassenkräfte nur auf 400€ Jobs angestellt werden. Das ganze im passenden Rahmen von 5,65€ Stundenlohn. Ich kannte das Budget meiner Filiale und ich kannte das Credo der Geschäftsleitung und habe erfolgreich Menschen dazu ausgebeutet in der Herde für unchristliche Löhne ihr Bestes zu geben. Und das nicht im Osten unseres Landes, dort wo die im Wahlkampf oft benannte Friseuse zuhause ist, sondern in einem Speckgürtel der Industrielandschaft in Nordbayern.


Heute suche ich, ein Fehler meinerseits führte dazu, selbst eine neue Aufgabe. Früher habe ich 3 Bewerbungen geschrieben, 2 Vorstellungsgespräche geführt und mich dann für die interessantere Aufgabe entschieden. Heute suche ich über 1 Jahr und habe erlebt wie sich Menschen fühlen, die in der Position des Suchenden die Kompromisse der Bosse akzeptieren müssen. Es ist menschenverachtend und eine Schande für ein Land wie unseres, mit Menschen so zum zu gehen.


Heute kenne ich die Seite desjenigen der auf Ämtern zu einem Bittsteller wird. Ich habe es kennengelernt das Hartz4-Lebensgefühl. Kein Urlaub in Florida, statt dessen die Frage wie leiste ich mir die Anfahrt zum nächsten Vorstellungsgespräch? Mir ist die Mitnahme Mentalität wie sie von großen Industrie- und Bankenführern bei Ihrem oftmals unfreiwilligem Abgang vorgelebt wird, ebenso fremd – wie die schlecht kopierte Variante vieler Menschen die Sinn und Aufgabe verloren haben und von unserem Sozialstatt vor dem verhungern gerettet werden.


Heute stehe ich mit meinem Weltbild vor der Wahl.


SPD? CDU/CSU? FDP? Grüne?


Und die Antwort lautet: Nein. Keine diese Parteien ist mehr wählbar für mich.


Dafür gibt es die o.g. Gründe und Gründe wie die Beschneidung der Freiheits- und Informationsrechte. Die große Koalition hat erfolgreich das Profil der eigenen Partei verloren. Wie Huren haben sich führende Politiker verkauft um sich krampfhaft an Posten fest zu halten.


FDP kann man nicht wählen, wenn man hört wie Hr. Westerwelle Menschen wie „mich“ derzeit sieht. Ich bin kein Bittsteller. Ich habe jahrelang den Höchstsatz in die sozialen Sicherungssysteme eingezahlt und nun, nach Pech und falschen Entscheidungen läßt man mich nach 12 Monaten in die Abgründe von Hartz4 und Lidl-Sonderposten-Käufer abrutschen. Sorry. Ich möchte arbeiten. Aber 99% meiner Ansprechpartner wollen niemanden auf eine freie Stelle einstellen, für die ich überqualifiziert bin. So bekommt ein ehemaliger Fil.-Leiter nicht mal die Aufgabe als Kassierer an einer Tankstelle.


Grüne? Nein, sorry – ich wähle keine Partei deren Vertreter einerseits empfehlen, japanische Autos zu kaufen und anderseits sich anhören wie Hubertus Judokus Quak. Tut mir leid. Natürlich ist es bei den Grünen wie bei der SPD. Die Partei hat sich verkauft. Ideale und Ziele aufgegeben um Macht zu erlangen. Wer erinnert sich noch an Turnschuh-Joschka? Ob er bei BMW nun auch mit Turnschuhen auftritt? Ob er dem Vorstand ein gepflegtes „Arschloch“ entgegenwirft wenn Bullshit verzapft wird? Ich bezweifle es.


Was bleibt?

Die Linke und die Piratenpartei.


Und diese beiden erhalten meine Stimme. Zum einen weil ich den Zusammenhang zwischen Lafontaine und SED nicht erkennen kann und zum anderen, weil ein soziales Gleichgewicht für die etablierten Parteien benötigt wird.


Die Piraten? Belächelt. Nicht ernst genommen. Mit unvollständigem Programm. Genau deswegen!


Und so wird man zum „linken“ Wähler. Es hat vieler Erfahrungen bedurft. Es hat vieler Richtungswechsel der „ehemals großen Parteien“ bedurft. Aber es hat vor allem der Erfahrung bedurft, wie unsere Gesellschaft miteinander umgeht. Wie man versucht mit unglaublich dämlichen Argumenten die Rechte und Freiheiten aller ein zu schränken.


Danke meine großen Parteien, Ihr habt es mir ermöglicht über den eigenen Schatten zu springen und zum ersten Mal Parteien mit leicht radikalem Atem zu wählen.


P.S.: An alle zukünftigen Arbeitgeber, die bei der Internet-Recherche Ihres Personalbüros, über mich als möglichen Bewerber stolpern. Wenn Euch Ehrlichkeit, Offenheit, Ethik und Moral schon heute stört und Ihr denkt, Politik wäre ein Thema weswegen man Menschen aussiebt, so bedanke ich mich ausdrücklich für Eure Vorbereitung und freue mich auf die Rücksendung meiner Unterlagen. Nichts ist ätzender, als zu spät fest zu stellen, daß man den falschen Partner gewählt hat.

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